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Behörden ohne Microsoft: Wie freie Software den Amtsalltag verändert

Digitalminister Dirk Schrödter macht den Anfang: LibreOffice läuft schon auf seinem Rechner, und er fordert, dass ihm künftig nur noch Dokumente im LibreOffice-Format zugeleitet werden. Bis Ende 2025 sollen 70 Prozent der Dienstarbeitsplätze umgestellt sein. Eine klare Ansage — doch der Weg dorthin ist weniger technischer Natur als sozial: Tausende Beschäftigte müssen sich umgewöhnen, oft ohne selbst entschieden zu haben.

Der CIO von Schleswig‑Holstein, Sven Thomsen, setzt daher auf Begleitung statt Zwang. Neben E‑Learning gibt es lokale Schulungsformate, LibreOffice‑Cafés und sogenannte Floorwalker, die in den ersten Wochen Fragen direkt am Arbeitsplatz klären. Thomsen macht kein Geheimnis aus den Hürden: Gewohnte Klickpfade fehlen, manche Funktionen sind an unerwarteten Stellen. Dieses „Störgefühl“ müsse man aktiv überwinden.

Change Management‑Expertin Moreen Heine bestätigt das: Gerade bei täglich genutzter Software ist die Umgewöhnung aufwändig. Beschäftigte müssten früh eingebunden, geschult und die Vorteile klar kommuniziert werden — selbst wenn Nachteile spürbar bleiben. Ohne solche Begleitung drohen Frust und Widerstand.

Doch LibreOffice ist nur der Auftakt in den Plänen der Landesregierung. Geplant sind Nextcloud für gemeinsames Arbeiten an Dokumenten und OpenExchange als Ersatz für die Microsoft‑Maildienste. Projektmanager Felix Gebauer beobachtet, dass viele anfangs Angst vor Funktionsverlust haben — die verschwindet meist, wenn Nutzer sehen, dass die Alternativen gleichwertig oder sogar ansprechender sind.

Ein weiterer Vorteil: Durch den Umstieg fließt weniger Geld in Lizenzzahlungen an große internationale Konzerne. Stattdessen können Aufträge an regionale IT‑Dienstleister gehen oder direkt mit Herstellern kooperiert werden. Sven Thomsen spricht von einer Chance, Geld in die heimische digitale Wirtschaft zu reinvestieren statt es aus dem Land zu transferieren. Eine EU‑Studie rechnet mit einem Kosten‑Nutzen‑Verhältnis von rund 1:4 für Investitionen in Open‑Source‑Software — jeder investierte Euro könne demnach mehrfach zurückfließen.

Doch nicht alle sehen die Sache so optimistisch. Niedersachsen etwa hält einen flächendeckenden Wechsel aktuell nicht für sinnvoll: Dessen CIO Horst Baier sieht noch keine gleichwertigen Open‑Source‑Alternativen für alle Anforderungen. Die Praxis früherer Migrationsprojekte zeigt: Viele Umstiegsversuche scheiterten oder wurden später teilweise rückgängig gemacht. München etwa kehrte nach jahrelanger Limux‑Phase zurück zu Windows — ein Schritt, der die Stadt Millionen kostete und Diskussionen auslöste.

Es gibt jedoch erfolgreiche Beispiele: Kleine Kommunen wie Schwäbisch Hall arbeiten seit Jahren mit Linux und Open‑Source‑Software, berichten von hoher Zufriedenheit und profitieren von Unabhängigkeit und Sicherheit. Dort sind es oft pragmatische Gründe — geringere Kosten, weniger Abhängigkeit von einzelnen Anbietern und Plattformunabhängigkeit — die den Ausschlag gaben.

Ein strukturiertes Angebot aus Open‑Source‑Software plus Service scheint für viele Verwaltungen der Schlüssel zu sein. Das Bundesinnenministerium hat mit ZenDIS und dem Projekt openDesk eine Lösung entwickelt, die Software, Support und Hosting kombiniert, damit sich Kommunen nicht allein gelassen fühlen. Laut Projektleitern besteht großes Interesse: Tausende Anfragen und eine wachsende Testnutzerschaft zeigen, dass vor allem Kommunen nach Alternativen zu „Sorglos aber teuer“ suchen.

Fazit: Der Wechsel weg von Microsoft ist technisch möglich und politisch gewollt — er ist jedoch weniger ein IT‑Projekt als ein Veränderungsprojekt. Erfolg hängt von guter Kommunikation, umfassender Schulung und pragmatischen Lösungen ab, die Nutzern Alltagstauglichkeit und Support bieten. Für die öffentlichen Kassen könnte ein flächendeckender Umstieg zugleich eine wirtschaftliche Chance sein, Geld in die regionale Digitalwirtschaft zu lenken. Ob und wie schnell sich dieser Wandel durchsetzt, entscheidet sich in den Amtsstuben — dort, wo Menschen arbeiten, die jeden Tag aufs Neue überzeugt werden müssen.

Quelle: https://www.swr.de/swrkultur/wissen/aemter-ohne-microsoft-warum-behoerden-freie-software-nutzen-wollen-102.html

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